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Wenn nichts mehr geht…

Evi September 23, 2019 0 comments 7

Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Seit gut einem halben Jahr war es komplett ruhig auf meinem Instagram-Account. Auf meiner Website findet man noch einige Informationen aber keine Möglichkeit sich für Kurse anzumelden. Neue Podcast-Folgen ließen auf sich warten und auf Emails bekam man in der Regel auch keine Antwort.
In diesem BLOG Artikel nehme ich euch ein wenig mit in meine Erfahrungen aus dem letzten halben Jahr.

 

Einfach nur für mich sein

Ich bin abgetaucht. Ich brauchte Ruhe. Weg von der Welt um zu mir selbst zu finden.
Vor ziemlich genau einem Jahr war ich voll in der Planung für eigene Räumlichkeiten für eine Hebammenpraxis in Frankfurt am Main. Ich hatte tolle Räume gefunden. Viele Gespräche mit der Vermieterin, unzählige Meetings mit anderen potenziellen Kursleitern. Ich stand jeden morgen zwischen 4.30Uhr und 5.00 Uhr auf um die Planung für die Praxis auf Touren zu bringen. Nebenher lief meine reguläre Arbeit weiter. Hebammentermine, Rückbildung- und Babymassagekurse unter der Woche, jeden Monat ein komplettes Wochenende Geburtsvorbereitungskurs, sowie Yogakurse und Personaltrainings. Zudem begleitete ich in Wiesbaden in einem Yogastudio die Ausbildung der Yogalehrer mit und habe dort allein in dem Jahr über 400h verbracht. Ach ja, und dann war da auch noch Büroarbeit, Emails und Rechnungen, Haushalt und Sport. Ich bin übrigens alleinerziehend und mein Sohn lebt komplett bei mir.

Wie ich das alles geschafft habe, weiß ich mittlerweile kaum noch. Es kam nicht plötzlich, sondern war schon immer viel. Für mich war es seit Jahren “normal” 40h in Terminen in einer Woche zu haben und zusätzlich dazu noch Fahrzeiten, Büroarbeit und die Vorbereitung von Terminen und Kursen. Außerdem war es immer finanziell knapp, daher kam weniger arbeiten nicht in Frage.

 

Privatleben gab es einfach nicht mehr

Unser Sohn lebt bei mir und geht in der Regel nur an einem Nachmittag in der Woche zum Papa. Treffen am Wochenende sind wenn spontan und unregelmäßig. Die Großeltern wohnen leider zu weit weg, um hier zu unterstützen.
“Du musst dir mal Zeit für dich nehmen” – das hörte ich öfter im Freundeskreis und innerlich seufzte ich dann nur kopfschüttelnd. Theoretisch klar, nur: wie denn und wann?
“Mal entspannt in den Urlaub fahren…” Das gab mein Kontostand schon ewig nicht her. Zudem ist es unglaublich schwer eine Vertretung für die Frauen, die ich betreue zu finden. In Frankfurt herrscht ein enormer Hebammenmangel. Das ist nicht nur für die Frauen, sondern auch für uns Hebammen wirklich ein Problem.
Also vielleicht mal zwei Tage am Wochenende zu meinen Eltern fahren. Außerdem hatte ich für die Praxis noch so viel zu organisieren und vorzubereiten.

Es blieb einfach keine Zeit für mich zum Durchatmen über. Ich war im Hamsterrad und es drehte sich schneller als ich mithalten konnte.

 

Erstes kommt es andern …

Und dann kam alles anders als gedacht. Statt eigener Praxis wurde aus den Räumen nichts und ich stand da. Fühlte mich wie ein totaler Versager. Es tat mir so leid, den anderen Kursleitern und auch den Frauen, die zu Kursen kommen wollten, absagen zu müssen und keine Alternative bieten zu können.
Ich selbst hatte keine weiteren Betreuungen für das Jahr angenommen, da ich primär Kurse geben wollte um die Praxis gut zu starten und etwas mehr Regelmäßigkeit in meinem Arbeitsalltag zu haben. Die vorigen Räumlichkeiten waren von mir bereits zeitnah gekündigt und anderweitig weiter vermietet.

 

… und zweitens als man denkt

Zum Ende des Jahres liefen meine bereits geplanten Kurse aus, die Betreuungen kamen zum Ende und es war dringend an der Zeit neue Vorgespräche zu führen, neue Räume zu finden – kurz: meine Arbeit am Laufen zu halten.
Da es in Frankfurt deutlich mehr Nachfrage an Hebammen als Angebot gibt, ergibt sich hier auch eigentlich kein Problem.
Nur: Ich konnte nicht.
Ein Teil von mir dachte, ich sollte einfach über Weihnachten ganz ruhig machen, ein bisschen entspannen und dann einfach frisch ins neue Jahr starten. Schließlich hatte ich im Dezember ein Online-Video-Projekt gestartet was mich viele Stunden gekostet hatte. Vielleicht war ich einfach erschöpft und musste mal den Kopf frei kriegen. Klang gut.
Doch statt erholt fühlte ich mich mit jedem Tag erschlagener und müder. Ich schlief und schief und schlief. Oft mehr als 14h am Tag
Als die Schule wieder losging stand ich morgens auf um meinem Kleinen Frühstück zuzubereiten und ihn startklar für die Schule zu machen. Kaum war er aus der Tür ging ich zurück ins Bett. Ich war innerlich und körperlich wie tot.
Ans Telefon ging ich überhaupt nicht mehr. Selbst private Anrufe von lieben Freunden und Familie, die sich erkundigten wie es mir ging ignorierte ich phasenweise komplett. Ich hatte keine Kraft zurück zu rufen. Ich wusste nicht was ich sagen wollte. Ich war nur leer.
Wenn mich jemand fragte, wie es mir ging brauchte ich alle Kraft nicht zusammenzubrechen. Und ich war das geübte lächelnde “alles gut” so leid.
Ich hatte kein Interesse an Menschen und schon gar nicht an deren “Problemen”. Von Anfragen für Hebammenbetreuungen fühlte ich mich regelrecht bedroht. Ich ging einfach nicht mehr an meinen Computer.

 

Der harten Wahrheit ins Gesicht blicken 

Es ging nichts mehr. Ich war ausgebrannt und zwar so richtig. Zu der Leere in mir gesellte sich Traurigkeit und vor allem ein tiefes Gefühl von Hoffnungslosigkeit. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Ich hab mich immer als “Steh-Auf-Männchen” und “Optimisten” bezeichnet. Ich war eigentlich nie krank und hart arbeiten war kein Problem für mich. Warum ging auf einmal nichts mehr?
Würde ich wieder “normal” werden? Und wie lang würde das dauern? Ich bekam Angst. Und eintrudelnde Rechnungen, die ich nicht bezahlen konnte halfen auch nicht wirklich. Beginnende Panikattacken brachten zum Ausdruck unter wieviel Stress ich stand. Mir fehlten die Worte, um anderen Menschen zu erklären, wie es mir wirklich ging. Neben der erdrückenden Verzweiflung fühle ich mich unglaublich allein. Also schwieg ich einfach und zog mich zurück..

Ich dauerte noch eine Weile, bis ich irgendwann mir selbst mal richtig zuhörte. Ich brauchte Zeit.
Diagnose: Burnout – und zwar so richtig. Das verschwindet nicht, indem man mal an zwei Wochenenden die Füße hochlegt.
Ich hatte einfach schon viel zu lange zurückgesteckt und in diesem Wahnsinn weitergemacht. Seit vielen Jahren habe ich ein Arbeitspensum geleistet, was für mich zuviel war. Einfach immer nur gegeben und mich nicht um mich selbst, sondern nur andere umsorgt.
Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht faul war, sondern krank – und gesund zu werden war jetzt das Wichtigste.

Ich wollte gesund werden

Also nahm ich mir endlich wirklich und bewusst Zeit für mich. Ich reduzierte meine Arbeit ziemlich radikal, ging komplett aus der Hebammenarbeit raus. Keine Kurse, keine neuen Wochenbettbetreuungen mehr. Yogakurse und Personaltrainings behielt ich, denn die strengten mich am wenigsten an. Phasenweise war ich selbst mit kleinen Dingen wie Einkaufen komplett überfordert. Panikattacken sollten mich noch viele Wochen begleiten . Außerhalb meiner eigenen vier Wände war ich oft wie im “Fluchtmodus” und Kontakt mit Menschen hat mich regelmäßig überfordert.

Ich fing langsam aber regelmäßig an für mich selbst wieder Yoga zu machen. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich bitterlich weinend in meinem Schlafzimmer auf der Yogamatte verbracht habe. Sehr viele. Ich hatte so eine Flut an Emotionen und Stress angesammelt, die einfach aus meinem Körper raus mussten. Weggeschoben Gefühle aus vielen Jahren wollten gespürt werden um Stück für Stück zu heilen. Und so nahm ich mir endlich mal Zeit mich selbst um mein Leben, meine Werte und Wünsche so richtig zu betrachten und ernst zu nehmen und wieder zu mir selbst zu finden.

 

Licht am Ende des Tunnels

Es war kein gerader einfacher Weg. Mehrmals fiel ich in das Muster mich selbst unter Druck zu setzten zurück. Ich müsste mehr dies oder das ….

Ich begann Bücher und Blogs zu lesen, Podcasts zu hören und unzählige youtube-videos zu schauen. Ich meditierte wieder regelmäßig. Erst 15 min. am Tag, mittlerweile 30 – 60 min. täglich. Ich schrieb täglich in meinen Journal und behielt meine leichte, achtsame Yogapraxis bei. Ich begann an den Tagen zu Hause meine Wohnung Stück für Stück zu entrümpeln und dabei endlose (teilweise sicherlich sinnfreie) Serien auf Netflix zu schauen. “Nicht immer so hart mit mir zu sein” war und ist einer der wichtigsten Lernprozesse für mich.

Es dauerte und es waren anfangs ganz kleine Momente. Eine süße Entenfamilie im Wald die über den Weg watschelte und mich zum Lächeln brachte. Wo mir bewusst wurde, meine Fröhlichkeit und Freude an kleinen Dingen kommt zurück. Es ist nicht mehr alles düster und grau. Nach und nach kam meinen Energie zurück. Ich konnte Zeit mit meinem Sohn und Freunden wieder richtig genießen, weil ich endlich mal im Moment leben konnte.

Burnout zwang mich in die Knie bis nichts mehr ging und so blieb mir nichts übrig als mir selbst ehrlich zu begegne und mich langsam wieder aufzubauen. Ich hab so unglaublich viel über mich selbst gelernt in diesen Wochen.

Mittlerweile habe ich mein Lächeln wiedergefunden. Ich wache an vielen Tagen auf und bin einfach glücklich und dankbar. Es war ein harter Weg und ich weiß, dass ich noch lange nicht am Ziel bin.
Ich merke, dass meine Lust zu arbeiten langsam wiederkommt. Gleichzeitig bleibt noch eine Unsicherheit, denn die Grenzen meiner Belastbarkeit möchte ich nicht wieder so massiv aus den Augen verlieren. Ob ich wieder komplett in die Hebammenarbeit gehe. Darauf habe ich noch keine Antwort. Ich weiß noch nicht, wohin mich meine Reise führt.
Wenn ich eines aus dieser harten Phase gelernt habe ist es, auf meine Intuition zu hören. Mein higher self weiß sehr genau, was mir gut tut und was nicht. Die große Kunst ist es ehrlich Hinzuhören und zu Vertrauen, sich selbst vollständig anzunehmen.

 

Evi

Evi Bodman arbeitet im Bereich Frankfurt am Main selbständig als Hebamme und Yogalehrerin.

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