Blog Detail

Stillen vorbereiten

Evi Januar 26, 2021 0 comments 0

Stellt man in einem Geburtsvorbereitungskurs die Frage, wer Stillen möchte ist die häufigste Antwort: “Eigentlich schon, wenn es denn klappt”. Man merkt direkt, dass viele Frauen hier den Wunsch haben ihr Kind zu Stillen und oft auch sehr gut über die Vorteile informiert sind, aber auch schon von Schwierigkeiten gehört haben und sich so ihre Gedanken und Sorgen machen.⁠

Ein großes Problem unser Zeit ist es meiner Meinung nach, dass Frauen nicht wirklich andere Frauen in den ersten Lebenswochen beim Stillen beobachten können. Wir sehen Mamas erst so etwa 6-8 Wochen nach der Geburt mal “in der Öffentlichkeit” stillen (wenn überhaupt) und bis dahin ist die schwierige Anfangsphase meist überstanden.⁠
Wie oft man das erste Anlegen manchmal üben muss, wie lange Frau braucht, eine bequeme Position zu finden, wie oft Baby teilweise hungrig die Brust anbrüllt statt anzudocken – all das sehen wir dann nicht mehr. Und wenn man dann mit genau diesen völlig normalen ersten Stolpersteinen selbst zu tun hat, da kann schon mal die Verzweiflung kommen.⁠

Gut Ding will Weile haben
Stillen lernen ist ein Prozess – sowohl für die Mama als auch das Baby.⁠ Es gibt Babys die einfach Naturtalente sind beim Stillen und andere müssen etwas mehr üben.⁠
Ja, es ist das natürlichste der Welt. Und gleichzeitig sind da viele Handgriffe zu lernen und es hängen auch viele andere Punkte mit dran. Sich als Frau schon am Ende der Schwangerschaft mit dem Thema Stillen zu beschäftigen ist total sinnvoll, denn so weißt du bereits in den ersten Tagen, was so auf dich zukommen könnte.


Hör dir alle Infos zum Thema in der Podcastfolge an
#028 – Deine Stillzeit vorbereiten


Schon in der Schwangerschaft stillbereit
Bereits am Anfang der Schwangerschaft bereitet sich der weibliche Körper auf die Stillzeit vor. Viele Frauen bemerken, dass ihre Brüste im ersten Trimester größer und schwerer werden. Die Plazenta schüttet in der Schwangerschaft Hormone aus, welche die Milchproduktion unterdrücken. So ist dein Körper im Grunde schon startklar, aber solang du schwanger bist, passiert Milch-technisch noch nicht so viel. 
Sobald dann dein Kind und die vollständige Plazenta geboren sind, geht dein Körper zunehmend in den Produktionsmodus. Die erste Vormilch, das sogenannte Kolostrum ist direkt vorhanden und dein Kind kann so auch direkt nach der Geburt bereits etwas trinken. Die erste Milch ist zwar nicht in gigantischen Mengen vorhanden und auch nicht übermäßig kalorienhaltig (wenn man es mit späterer Muttermilch vergleicht) aber diese erste Milch ist quasi ein Booster für das Immunsystem des Kindes und daher unheimlich wichtig. Sollte dein Kind also zum Beispiel als Frühchen auf die Welt kommen und das erste Stillen ist eher schwierig, ist es trotzdem wichtig direkt abzupumpen und die Muttermilch dem Baby von Anfang an zukommen zu lassen. Rein optisch sieht die erste Milch übrigens auch anders aus als später. Sie ist eher zähflüssiger und leicht gelblich. Später wird die Milch vom Aussehen dünnflüssiger und eher weißlich bis gräulich.

Auch dein Baby ist startklar
Nicht nur dein Körper ist direkt nach der Geburt startklar, sondern auch dein Baby. Man weiß tatsächlich, dass ein Neugeboren, wenn man es einfach nur auf den Bauch der Mutter legt und es nicht weiter unterstützt, zielgerichtet den Weg zur Brustwarze der Mutter findet und eigenständig zu Trinken anfängt. Super faszinierend!
Vielleicht ist dir im Laufe der Schwangerschaft aufgefallen, dass deine Brustwarzen dunkler geworden sind? Kinder sehen am Anfang noch ganz anders und sie können zum Beispiel Kontraste (also helle Haut und dunkle Brustwarze) sehr gut wahrnehmen.
Ihr Geruchssinn hilft ihnen ebenfalls und so machen sie sich dann zielgerichtet auf den Weg. In der Regel unterstützt man natürlich als Mutter oder Hebamme und bringt das Kind dirket in die richtige Position.
Neugeborene sind zudem mit zahlreichen Reflexen ausgestattet. Einer davon ist der sogenannte Suchreflex und der kann manchmal etwas Verwirrung schaffen. Was die Kinder dabei machen ist das kleine Köpfchen leicht anzuheben und zu bewegen als würden sie “nein nein” sagen. Da die Koordination natürlich noch nicht so perfekt ist, stoßen sie auch manchmal den Kopf eher weg von der Brust. Das wird manchmal liebevoll als “spechteln” bezeichnet, weil sie wie ein Specht mit dem Kopf vor und zurück gehen. Für viele Mütter wirkt dies nun, als wollte das Kind ja gar nicht trinken. Was allerdings wirklich passiert ist folgendes: Durch die Berührung der Lippen des Kindes an der Brustwarze stellt sich die Brustwarze mehr und mehr auf. Der sogannte Errektionsreflex (ja, heißt wirklich so) hilft dem Kind quasi die richtige Stelle zu finden, denn das funktioniert ja nur genau an der Brustwarze. Sobald das Kind nun etwas zum Ansaugen hat, wird der Saugreflex ausgelöst und das Kind beginnt zu trinken.

Lass dir helfen
Wenn du das Kind jetzt als das erste mal nach der Geburt zur Brust führst lass dir gerne von der Hebamme helfen. Ihr macht das beide vielleicht zum ersten mal. Uns selbst wenn du als Mama stillerfahren bist, ist es für dein Baby ganz neu. Gib euch beiden etwas Zeit zum Lernen und findet euch gemeinsam nach und nach ins Stillen rein.
Hab zudem im Kopf, dass dein Baby perfekt vorsorgt auf die Welt kommt und selbst, wenn es in den ersten 24h erstmal ankommt und etwas weniger trinkt, ist das in der Regel vollkommen in Ordnung.
Bereits das erste Anlegen und jedes weitere Stillen in den ersten Lebensstunden unterstützt ganz viele wichtige Prozesse für Mutter und Kind. Die Verdauung bei deinem Baby wird durch die erste Nahrungsaufnahme natürlich angeregt, die Darmflora baut sich auf und darüber natürlich auch das Immunsystem deines Kindes. Gleichzeitig ist es für einen stabilen Blutzucker beim Baby wichtig, dass es zeitnah nach der Geburt und dann in regelmäßigen Abständen trinkt. 

Hormone
Beim Stillen wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Dies fördert bei der Mutter die Nachwehen, welche die Rückbildung der Gebärmutter unterstützen. Gleichzeitig ist Oxytocin auch das sogenannte Bindungs- oder Liebeshormon. Es fördert den natürlichen Kontakt und die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind.
Wenn Frau jetzt in den ersten Tagen regelmäßig stillt, wird dadurch die Milchbildung angeregt und die Milchproduktion entsprechend hochgefahren. Bei den meisten Frauen stellt sich um den 3. Tag nach der Geburt der sogenannte “Milcheinschuss” ein. Bis zu dem Zeitpunkt ist natürlich auch schon Milch vorhanden, aber ab dann deutlich mehr.

Gewichtsverlust
Die meisten Kinder verlieren in den ersten Lebenstagen erstmal Gewicht. Bis zu 10% von ihrem Geburtsgewicht physiologisch, deutlich mehr sollte es nicht sein. Etwa 10  – 14 Tage nach der Geburt wird dein Baby wieder beim Geburtsgewicht angekommen sein. Wenn dein Kind also in den ersten Tagen etwas an Gewicht verliert, heißt das überhaupt nicht, dass du nicht Stillen kannst, oder zu wenig Milch hast, sondern das ist ein ganz normaler Prozess.
Ich persönlich rate übrigens von Milchbildungstee in den ersten Tagen eher ab. Schau doch erstmal, wie der Körper das so alleine macht. Halte viel Ruhe um deinen Körper zu schonen. Achte darauf, das du selbst ausreichend trinkst und isst und kuschel ganz viel mit deinem Kind. Das fördert die Hormone fürs Stillen und stabilisiert den Blutzucker von deinem Kind. Dein Kind ausreichend warm zu halten ist ebenfalls ein wichtiger Punkt in der ersten Phase.

Viele Köche verderben den Brei
Gerade für die ersten Tage, die du vielleicht im Krankenhaus bist, kann ich dir sehr empfehlen: trete auch hier schon mit deiner Hebamme in Kontakt, wenn es irgendwie Probleme beim Stillen gibt. Leider ergibt sich häufig das Probleme, dass im Krankenhaus bei jeder Schicht das betreuende Personal etwas unterschiedliche Tips gibt. Die sind zwar für sich genommen vielleicht gut und richtig, aber wenn es zuviel auf einmal und womöglich noch widersprüchlich ist, sind die Frauen oft komplett verwirrt und verunsichert.
Hier kann es sehr hilfreich sein, einfach eine Begleitperson zu haben, die mit dir eine konstante und für dich angepasste Linie fährt. Hab Vertrauen in deinen Körper und auch dein Baby. Ihr werdet auch da Schritt für Schritt schon zusammenfinden. Und lass dir gesagt sein, dass viele Frauen am Anfang mit dem Stillen etwas Startschwierigkeiten haben. Setzt dich nicht unter Druck. Es ist ein Lernprozess und kann durchaus einige Tage bis Wochen in Anspruch nehmen, bis es wirklich entspannt und einfach läuft. 

Die Brust vorbereiten?
Im Geburtsvorbereitungskurs kommt öfter die Frage, ob man die Brust irgendwie auf das Stillen vorbereiten kann. Hierzu kursieren im Internet auch zahlreiche Empfehlungen. Weichspüler weglassen, damit die Handtücher ganz rau sind, mit der Zahnbürste die Brustwarzen abrubbeln und damit abhärten, … Ganz im Ernst: auf das Stillen selbst und die daraus entstehende Belastung für deine Brustwarzen kannst du deinen Körper nicht wirklich vorbereiten. Brauchst du auch gar nicht. Die beste Vorbeugung, um deine Brustwarzen zu schonen ist eine wirklich gute Stilltechnik. Also lass dir, wenn dein Kind geboren ist wirklich beim Anlegen helfen. Sei selbst sehr aufmerksam und schau dir vielleicht vorher Bilder oder Videos an, wie ein richtig angelegtes Kind trinkt. Das ist das absolute A und O um die Brust zu schonen und wunde Brustwarzen zu vermeiden. 

Geduld und Ruhe
Was vermutlich am wichtigsten für einen guten Stillstart ist: Ruhe und Geduld. Natürlich auch Unterstützung durch die Hebamme mit den direkten Tips fürs Anlegen aber wichtig ist dir selbst als Frau zu vertrauen. Du schaffst das. Und wenn es am Anfang etwas holprig ist, macht doch nichts. Vermutlich habt ihr noch viele Monate Stillzeit vor euch, da sind ein paar Tage Startschwierigkeiten wirklich nicht schlimm.
Gönn dir körperlich viel Ruhe, kuscheln mit deinem Baby und lass dich vor allem mit Essen und Trinken gut versorgen und dann läuft das schon.

Evi Bodman arbeitet im Bereich Frankfurt am Main selbständig als Hebamme und Yogalehrerin.

Leave your thought

Login

Lost your password?